Warner Bros. / mit Keanu Reeves / Regie: The Wachowski Brothers / 1998 / www.whatisthematrix.com
Matrix, ein neuer Kino-Film, der in Science-Fiction-Manier ein Cyberspace-Abenteuer erzählt, phantasiert mit der Idee, daß die Menschen nur mehr von den Maschinen beherrscht werden. Ein Gedanke, der sich schon seit dem ersten Auftauchen von Maschinen durch Literatur und Film zieht. Dabei sind die Maschinen auf die Menschen bezogen, weil sie die Menschen darin unterstützen müssen, ihre Vorstellung von Wirklichkeit umzusetzen. Die Wirklichkeit der Menschen allerdings ist grau und langweilig. Alltagsgrau und so langweilig, daß sich die Maschinen schon dafür schämen, die Funktion eines solchen Lebens sicherstellen zu müssen. Zumal die Maschinen so intelligent geworden sind, daß sie ein Eigenleben entwickelt haben, in dem die Menschen nur noch als Energie-Lieferanten auftauchen. Und das im wahrsten Sinne des Wortes: Statt Atom-Strom oder Wind- bzw. Solar-Energie wird die energetische Grundlage der Maschinen von Menschen-Embryos abgezapft, die von den Maschinen großgezogen werden.
Später, als Erwachsene, existieren sie lediglich als gesteuerte Objekte im virtuellen Raum. Während die Menschen glauben, sich selbstbestimmt durch ihren Alltag zu bewegen, liegen sie in Wirklichkeit in einem Kokon und sind an einen virtuellen Simulator angeschlossen. Die entsprechenden Anschlüsse werden ihnen im Laufe des Heranwachsens von den Maschinen in Körper und Gehirn implantiert, um eine perfekte Simulation erzeugen zu können.
Diese Simulation läuft über Rechner, d. h. sie existiert als programmierte Zukunft, als Zahlen-Matrix. Die Matrix steht für einen sich fortwährend verändernden Zahlencode, der von den Maschinen gemacht wird und der das Koordinatensystem für die simulierte Alltagswelt der Menschen bildet.
Genau diese programmierte Alltagswelt macht den Film unter kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten interessant: ausgehend von einem Kulturbegriff, wie ihn Clifford Geertz (Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1987, 5. Auflage 1997) vertritt, ist die Darstellung von Kultur als längst programmierte Zahlenreihe eine logische Konsequenz für das CS-Genre (CyberSpace). Indem Geertz Kultur als System versteht, lässt sie sich technisch bzw. rechnerisch darstellen. Als interdependentes System von Werten, Ideen, Ritualen und Denkmustern wird Kultur zur Repräsentanz von Verhalten und damit zur Matrix für Handlungsmuster und Alltagsinszenierungen.
Losgelöst von Geertz und insofern Menschen autonom über ihre Handlungen entscheiden können, kann diese Matrix entweder in das Handeln übernommen (Tradierung bzw. Konservierung von Werten etc.) oder durch neue Ideen weiterentwickelt (Bereicherung der Inszenierungsmöglichkeiten) werden. In diesem Zusammenhang ist Kultur eine immer wieder neu erbrachte und zu erbringende Leistung und daher einem dauernden Wandel unterworfen, symbolisch verdichtet im Regen der Zahlenreihen auf den Bildschirmen, als der sich die Matrix in ihrer direkt sichtbaren Form materialisiert.
Im Film ist die Auswahl an Alltagsinszenierungen allerdings sehr begrenzt. Diese Eingrenzung stammt jedoch nicht etwa von den Maschinen selbst, sondern wurde von den die Maschinen programmierenden Menschen in grauer Vorzeit, also so um das Jahr 1999 herum, gesetzt. Um die Einhaltung zu überwachen, gibt es im Film Agenten, die aussehen wie Menschen, jedoch programmierte Maschinen sind, ungefähr in der Art von Androiden. Da die Maschinen in ihren Fähigkeiten dem Menschen nachgebildet sind (schliesslich müssen sie das Funktionieren seines Alltags sicherstellen), sind sie auch genauso intelligent wie Menschen und haben auch die Fähigkeit, ihr eigenes Handeln und Denken zu reflektieren. Dabei fällt ihnen auf, wie langweilig und grau die (Alltags-)Wirklichkeit der Menschen gestaltet ist.
Vor diesem Hintergrund baut sich im Film ein Spiel um die Frage: “Was ist die Wahrheit, die Wirklichkeit?“ herum auf: Das Alltagsleben mit seinen beschränkenden Regeln und dauernden Wiederholungen erscheint dabei nur noch als einengende und langweilige Ritual-Kultur, deren Aufrechterhaltung von den Maschinen und deren Agenten gewährleistet wird. Hier beginnt für die KinobesucherInnen der Einbruch in ihre eigene (Alltags-)Wirklichkeit: unwillkürlich taucht die Frage auf, inwieweit wir ‘realen’ Menschen lediglich funktionieren, um die Einhaltung der vorgegebenen Matrix zu gewährleisten oder inwieweit wir tatsächlich autonom über uns und unsere Handlungen entscheiden können. Sind wir auf Tradition und Konservierung von Werten angewiesen oder können wir völlig losgelöst von kulturellen Systemen eigene Handlungsinszenierungen nach Lust und Laune entwerfen?
Wenn Geertz schreibt:
Ich meine mit Max Weber, daß der Mensch ein Wesen ist, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist, wobei ich Kultur als dieses Gewebe ansehe, (Quelle: Geertz, Clifford: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1987, 5. Auflage 1997, S. 9)
ist der Film Matrix die Übertragung dieses Kulturmodells auf die virtuelle Realität, den Cyberspace. Die Maschinen und ihre Agenten stellen sicher, daß die Menschen ihr “selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe“ nicht verlassen.
Im Film liegt ein Ausbruchsmoment aus der Matrix in der Möglichkeit, zu erkennen, daß dieses Alltagsleben keine Wirklichkeit ist in dem Sinne, daß es lediglich eine Computersimulation darstellt, die beliebig auswechselbar ist. Allerdings ist es nicht ungefährlich, dieses von den Maschinen und ihren Agenten sorgsam gehütete Geheimnis zu lüften. Hinter der Gefahr verbergen sich bei näherem Hinsehen letztendlich nicht die Maschinen und ihre Agenten, sondern die Begrenztheit und Ängstlichkeit der Maschinenbauer, also wir Menschen, die so stolz auf unsere Maschinentechnik und die Schaffung von künstlicher Intelligenz sind. Es wird deutlich, daß wir anscheinend so sehr verstrickt sind in unsere Bedeutungsgewebe, daß wir uns nicht mehr daraus befreien können.
Es sei denn ein Erlöser tauchte auf, der den gordischen Knoten lösen könnte. Im Film rechtzeitig zur Jahrtausendwende erscheint er jedenfalls und findet andere Verbündete, die sich in ihrem Widerstand schon so weit organisiert haben, daß sie weitgehend autonom gegen das System kämpfen können. Menschen, die sich gegen ein Doppelleben im Alltag zugunsten der “Wahrheit“ entschieden haben, also deviante Identitäten, und sog. wirkliche Menschen, die nicht von Maschinen gezüchtet wurden, sondern in Zion aufgewachsen sind (“kontrolliert biologischer Anbau“). Zion ist ein imaginärer Ort irgendwo im Erdinnern, “dort, wo es noch warm ist.“ Durch die Erkenntnis, daß sie sich in einer Simulation, im sog. “Konstrukt“, befinden, taucht die Frage nach der Wirklichkeit auf, die auf einer biologistischen Ebene gesucht wird: Real ist alles, was nicht mit maschineller Er-zeugung bzw. matrix-gesteuerter Reproduktion in Zusammenhang steht. Die Folge: Eine Auferstehung des Menschen im humanistischen Sinne, der als hochentwickelter, vergeistigter Organismus dazu in der Lage ist, seine selbstgeschaffene Simulation zu überwinden, ein Übermensch im Sinne Nietzsches. Wie allerdings sich diese Wahrheit, für die sie kämpfen, gestalten soll, das verrät uns “Matrix“ leider nicht.
Die virtuellen Revoluzzer werden von einem schwarzen Superhirn-Hacker-Terroristen zusammengehalten, der fest davon überzeugt ist, den zukünftigen Erlöser gefunden zu haben. Sein “Geheim“-Wissen konnte er nur durch seinen Standpunkt als Anderer erwerben, der Kultur-Mechanismen durchschauen kann, weil er qua Geburt und Geschichte auf der “anderen“ Seite involviert ist.
Die gesamte Filmhandlung ist geprägt von den verschiedensten christlich-biblischen, buddhistischen bis hin zu spirituell-esoterischen geistigen Befreiungsmodellen nach dem Muster z. B. von Die Möwe Jonathan. Als Neuromancer-Roman steht Matrix unter dem Einfluß der Techno-Science und ist durchzogen von Alien-Theorien: deviante, unterdrückte und kolonialisierte Identitäten tauchen als überlebende Wissende von einem imaginären Ort (Zion, eine Art christliches Atlantis, wo Gott wohnt und wo “die Mohren geboren sind“) auf, die schon lange mit den Lücken der Matrix vertraut sind. Das weise Orakel z. B. ist eine ältere hispanische Hausfrau, die ihre Antworten in Hellseherinnen-Manier so geschickt verteilt, daß unter den verstreut Suchenden eine positive Assoziations-Handlungskette entstehen kann, die den Zusammenhalt interdependent gewährleistet.
Im großen und ganzen zieht sich eine allzu bekannte Handlungs-Matrix durch den Film: Der Erlöser ist männlich und weiß (na gut, Keanu Reeves hat unabweisbar asiatisch anmutende Gesichtszüge), er ist im entscheidenden Moment auf die Liebe einer Frau angewiesen, die an ihn glaubt und ihn unterstützt. Irgendwie schade, daß der Film es nicht schafft, den selbst gesteckten Quantensprung zu machen.
(Quelle: Heidorn, Regine (1999): Matrix, eine kulturwissenschaftliche Filmbesprechung, in: kea, Zeitschrift für Kulturwissenschaften, 12/1999, S. 257)
Eine Übersicht über den gesamten Themenkomplex gibt es hier.